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Tashi


Sikkim ist ein wunderschönes Land, es gibt unendlich viel Grün, viele Wälder und buddhistische Klöster, die sich dazwischen verstecken oder auf Anhöhen über den Tälern thronen. Zum Teil verbinden sehr angenehme Fusswege diese Klöster untereinander. Schwieriger zu erreichen sind diejenigen, die weniger besucht werden, diese Wege und Pfade sind in schlechterem Zustand oder überhaupt kaum zu finden. Aber das Land bleibt ein Paradies für Wanderer – wenn da nicht die Phalanx der Beamten wäre, die mit ihren ewigen Permit's das Leben der Reisenden versauern, denn in Sikkim braucht jeder Ausländer für jeden Schritt ein Permit.


Die Herumrennerei, bis man endlich das richtige Office  mit dem richtigen Beamten gefunden hat, der dann auch zur richtigen Zeit da sein sollte,  kostet nebst Zeit auch einige Nerven und last, but not least – Money. Da sitzt der Ausländer verschwitzt in dem Büro mit all den doppelt kopierten Passseiten seiner Personalien und den doppelt kopierten Seiten mit dem Visum, dann die Kopien des Inner Line Permit  und den Antrag doppelt ausgefüllt mit zusätzlich einem Trekkingpermit. Nicht vergessen extra Passfotos, weil man sonst wieder ins Zentrum zurückrennen muss und unter Umständen den Beamten verpasst, der jetzt zum Mittagessen ausgeflogen ist. Das kann schon etwas länger dauern – wenn er am gleichen Tag überhaupt noch mal aufkreuzt! Aber nein, Glück gehabt, der Beamte ist noch mal aufgetaucht! Freundlich sind sie ja immer, wirklich freundlich, und interessiert.


Nur, der gestresste, verschwitzte Ausländer sitzt bereits erschlagen und ergeben da – wartet auf den freundlichen Beamten – er kommt sofort, in fünf Minuten! Doch  der Ausländer harrt, ist genervt, müsste dringend pinkeln oder hat einen fürchterlichen Hunger. Und kurz bevor der letzte Rest der letzten Nerven einer letzten Prüfung unterzogen werden könnte, erscheint der Beamte – smile! I’m so sorry!, und bittet dich mit den Formularen und dem Stapel Kopien in ein anderes Büro. Da sitzt eine freundliche Dame, eine Beamtin, sie studiert jetzt den Antrag eingehend, kontrolliert, ob alle Kopien vorhanden und unterschrieben sind, stempelt und unterschreibt. Zum Schluss der Feierlichkeit darf man  noch den Obulus entrichten, und somit ist die Bahn frei für eine eintägige Expedition. Denn dieses Permit gilt nur für einen einzigen und festgelegten Tag,  falls es dann regnen sollte, hast du eben Pech gehabt! Und in Sikkim regnet es oft und ausgiebig, auch ausserhalb der Monsunzeiten!


Doch heute scheint beinahe die Sonne, immerhin, es regnet nicht, alle Permits sind in  Ordnung. Bevor ich allerdings mit meinem Guide in Richtung Goeche-La hinaufsteigen darf, müssen wir zuerst beim Polizisten die Permits beglaubigen lassen, die er auch noch zu stempeln und unterschreiben hat. Dasselbe wiederholt sich oben im Dorf, denn dort sind sie für den Nationalpark zuständig. So steigen wir für einige Tage in die Hochgebirgszone, wo man einen schönen Blick auf das Kanchenzongamassiv haben soll. Wenn das Wetter mitmacht.


Der Weg führt durch dschungelartigen, üppigen Wald – ausser einer einzigen Ausnahme das erste Mal, nach bald viermonatiger Absenz jeglichen Waldes auf meiner Reise durch Teile Zentralasiens. Ich bin wie aus dem Häuschen. Es ist zwar nicht die Zeit, in der die Orchideen und andere Blumen blühen, aber jedes Mal ergreift mich eine Art von Ehrfurcht, wenn ich so dicht wuchernden Wald betrete. Ich weiss, dass die Bäume zwar schweigen, doch hätten sie eine Stimme, die der normale Mensch verstehen könnte, würden sie uns einiges zu erzählen haben, gäben Kommentare über uns Menschen ab, die es immer so eilig haben. Falls der Mensch im Stande ist, nur einen einzigen Schritt in seinem Trott innezuhalten, und in den Wald hineinlauscht, so wird er irgendwie ahnen, ja vielleicht sogar spüren, dass der Wald ein beredt schweigender Organismus ist. Die lieben Bäume sind viel zu höflich, als dass sie uns mit ihren Stimmen und Kommentaren bedrängen oder ermahnen wollten, und so hört man allenfalls ein Tuscheln hinter dem Rücken. Doch falls man sich umwendet, stehen sie bockstill und tun, als wäre nichts. Denn wer eine Stimme hat und sich äussert, muss damit rechnen, dass er nicht unbedingt auf Gegenliebe stösst. Und weil ein Baum nicht flüchten kann, tut er gut daran zu schweigen. Das ist seine Strategie des Überlebens. Vielleicht haben die Bäume soviel aus der Eile der Menschen gelernt, dass sie erkannt haben, dass der Mensch, je gehetzter er ist, desto rücksichtsloser und verletzender er wird.


Und wieder einmal drehe ich mich um, als hätte mir jemand auf die Schulter getippt. Hoch oben am Ast eines Baumgiganten entdecke ich die Rispe einer leuchtend rosafarbigen Orchidee herunterhängen. Das regt mich an, darüber zu sinnieren: Warum habe ich mich genau hier umgewandt, genau in diesen Ast hinaufgeschaut und direkt in die Augen der Orchidee geblickt? Warum? Es gibt genügend andere Reize, die ins Auge hätten springen können, aber nein, ich wende mich um, und schaue auf direktem Weg ins Gesicht der Blume. Als hätte sie mir hinter meinem Rücken ein Signal ausgesendet. Wir Menschen drehen uns ja auch prompt in die Richtung, von der wir ein plötzliches und überraschendes Geräusch vernehmen. Auch ohne die Quelle zu sehen, wir blicken genau dahin.


Ich bin begeistert ob der Fülle von sattem Grün rundherum, der bizarren Bäume, deren Äste oft so dick mit Moos bewachsen sind, dass sie so aussehen wie in den Himmel ragende, muskelpaketbewehrte Arme, die auf groteske Weise die Dumpfheit der Menschen parodieren, höhnisch die auf die Spitze getriebene Kraftmeierei auf den Arm nehmen. Von den steilen Hängen stürzen sich viele   Bäche  und Wasserfälle. Kein Wunder bei dieser Feuchtigkeit hier. Doch die Feuchtigkeit spürt auch mein Körper, und völlig verschwitzt komme ich bei der ersten Etappe, in Tsoka an. Mein Guide hat mich zwar davor gewarnt, dass es schwierig sein würde, noch irgendwo unterzukommen, ich denke meinerseits, er soll sich gefälligst etwas anstrengen.


So gelangen wir ins wolkenverhangene Tsoka, der Weg, auf dem wir stehen, ist ein schmutziges Rinnsal und wo grad kein Wasser fliesst, sind Schlammpfützen. Mit Glück findet der Fuss einen Stein, der ihn vom Übelsten bewahrt.


Mein Guide verhandelt jetzt mit den Leuten der Lodges, ich verstehe natürlich rein gar nichts von ihrem Nepali, doch was ich verstehe, sind ihre Mienen und ihre Gestik, wenn sie unbeteiligt mit dem Kinn in eine andere Richtung weisen. Das Gesicht meines Führers wird immer länger und ratloser, dann verschwindet er in einer Bude, die grossartig mit einem Schild geschmückt ist, das verkündet, dass man diese Bretter- und Wellblechbude als Restaurant mit angeschlossenem "authentiq tibetan Handicraftshop" anzusehen habe. Ich enthalte mich jeglichen gedachten Kommentars, und kurz darauf tritt eine beleibte Frau mit tibetischen Gesichtzügen aus der Tür,  mustert mich und gleichzeitig streckt mein Führer den Kopf neben der Frau heraus und ruft mir zu, ich solle kommen.


"Na siehst du", raune ich mir wohlgelaunt zu, "warum auch gleich den Kopf verlieren!" Ich begrüsse die mich immer noch musternde Frau und betrete die düstere Küche, in der ein offenes Feuer etwas Gemütlichkeit verspricht. Aber schon steht mein junger Führer wartend an den Stufen einer schiefen Treppe, die in ein Obergeschoss führt und macht eine schlenkernde, einladende Kopfbewegung, ihm zu folgen. Die Stiege führt in eine dunkle, fast schwarze Kammer, die von einem einzigen, kleinen Fensterchen  erhellt wird. Kurz darauf bemerke ich einen Mann, der mit den Rücken zu uns  auf einem winzigen Schemelchen vor einer Feuerstelle seine Hände wärmt.


Mein Guide sieht mich unsicher fragend an, deutet auf die beiden Pritschen am Boden und sagt: "Okay?" Ich antworte fröhlich: "Okay!", wende mich zu dem am Boden sitzenden Mann und begrüsse ihn: "Namasté!" Doch dieser starrt unentwegt in sein Feuer, wärmt die Hände und wendet auf meinen Gruss hin den Kopf grad so weit, dass er wohl kaum mehr als meine Schuhe sehen kann. Dazu nickt er unmerklich, wie in Gedanken; eine derart knapp angedeutete Geste, die unverhohlen kundtut, dass er sich durch uns gestört fühlt. Gleichzeitig bemerke ich einen verlegenen Zug in seinem abwesenden Gesicht, und er fährt mit einer Hand an seine stark triefende Nase. Ich wende mich wieder der Kammer zu, betrachte die vielen Dutzend Fleischfetzen und Knochen, die zum Trocknen und Räuchern auf Drähte gespannt sind. Gut, dass ich meine pakistanische Mütze aufhabe, sonst hätten meine Haare das fettige und geräucherte Fleisch gestreift. Es ist eine Szenerie, wie sie sich nur aus vorigen Jahrhunderten herübergerettet haben kann. Mein Blick schweift über die vielen, fast ganz abgeschabten Knochen, die wie als Fries an Nägel gehängt die Wände verzieren, und bleibt schliesslich an Fotografien hängen, die an die Wand geklebt zu sein scheinen. Sie sind nur wenig heller wie die gesamte schwarze Wand, die wohl  nur vom Russ des ewig rauchenden Feuers geschwärzt sein kann. Bilder von tibetisch aussehenden Menschen, als Gruppen, als Porträts, mit äusserst brav und ordentlich zur Linse gerichtetem Blick. Der Raum wirkt auf mich  fast   magisch, fast wie ein einziges Kunstwerk, aber darin hausen Menschen – und auch ich  werde jetzt eine Nacht darin verbringen.


Meine Augen beginnen vom beissenden Rauch zu tränen, gleichzeitig fliesst meine Nase, wahrscheinlich nicht bloss wegen der Kälte, sondern jetzt zusätzlich von dem Rauch, der die Kammer erfüllt und den Weg zum Fenster hinaus noch nicht gefunden hat. Und während ich den Rucksack neben mein „Bett“ stelle, fällt mein Blick wieder auf den am Feuer sitzenden Mann. Er hat sich nicht von der Stelle gerührt, er hockt unverändert auf seinem winzigen Schemelchen, hält die Hände wärmend über das Feuer und ordnet die Holzscheite immer wieder neu, damit sie vom Zentrum der schwächlichen Glut zu neuem Feuer erwachen. Doch das gelingt ihm kaum, die Scheite rauchen bloss, und so bläst er immer wieder mitten ins Herz des Feuers.   Dieses Blasen verteilt den Rauch von Neuem, die Kammer verdunkelt sich weiter, und jetzt sehe ich, wie seine Nase beim Blasen trieft, die Flüssigkeit tropft auf die Holzscheite. Verstohlen betrachte ich sein Gesicht, das angespannt zum Feuer gerichtet bleibt.


Ich habe mich jetzt auf die Pritsche gesetzt, um dem schlimmsten Rauch zu entgehen und warte darauf, dass mein Guide, der zur Wirtin hinunter gestiegen ist, mir Tee bringt.


Der am Feuer Hockende hat mich irgendwie in den Bann gezogen, ich beobachte ihn, weil er sich so offensichtlich und hartnäckig weigert, weder meine Anwesenheit zu akzeptieren noch sie überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Er hat mich ja noch kein einziges Mal eines Blickes gewürdigt, er starrt in sein Feuer, er ordnet immer wieder die Holzscheite neu, mit dem immergleichen Resultat, dass es kurz auflodert, kurz fassen die Flammen Fuss, müssen sich aber schon bald wieder vom Rauch geschlagen geben. Und während er seine Hände wärmt, die Hölzer neu nachschiebt, fliesst unentwegt sein Schnupfen. Natürlich ekelt es mich an, wenn ich dazu noch beobachten muss, wie er sich immer wieder mit dem Handrücken den Schleim wegwischt und anschliessend an der Hose abstreift. Aber es ist sein Gesicht, das mich fesselt, irgendetwas ist sehr ungewöhnlich, und um das zu ergründen, beobachte ich ihn, ich schaue ihn nicht direkt an, ich streife ihn zwischendurch und nur flüchtig, ich will ihm nicht das Gefühl geben, dass ich ihn mustere, ich will ihn nicht in seinem eigensinnigen Ritual stören  oder ihm gar das Gefühl geben, dass ich sein Verhalten  für  ungewöhnlich, ja sogar absonderlich halten könnte.


Es steht ausser Zweifel, dass er mich völlig ignoriert, ja er versucht sogar meine Anwesenheit zu negieren, wie, um mir deutlich zu zeigen, dass er mich für einen ungebetenen Gast hält.


Doch ich bleibe hocken, denn ich habe ja schliesslich dazu die Erlaubnis der Wirtin, die hier klar das Sagen hat. Ich versuche in seinem Gesicht, das ich mir bereits schon gut eingeprägt habe – und ohne ihn dabei anzusehen - seine Mimik zu studieren. Aber ich komme zu gar keinem Schluss. Auffallend ist seine Gesichtshaut, die völlig glatt, ohne eine einzige Falte ist. Dazu ist er haarlos, seine Haut wirkt wie gespannt, gespannt wie das Fell einer Trommel. Vielleicht sieht er deshalb jugendlich aus, jünger, als er in Wirklichkeit ist, sein Alter ist schwer einzuschätzen.


Schliesslich bekomme ich ein Glas Tee, ich trinke ihn gierig, denn es ist trotz des Feuers kalt im Raum. Ich versuche auch mein Abendessen möglichst früh zu bestellen, ich habe Hunger. So sage ich mit einer Bestimmtheit, die mich selber erstaunt, ich möchte früher essen, als mein Guide vorgeschlagen hat. "Okay",  sagt mein Führer, "six o’clock." Irgendwie kommen wir auf Thumba zu sprechen, auch Chang genannt, das tibetische Bier.


"Es gibt hier Thumba?" frage ich.


"Do you want Thumba?", fragt er lachend zurück. Ich nicke gutgelaunt und sage ihm, dass er mir eins bringen solle.


Dann hocke ich mich wieder hin, richte mir meine Schlafstätte ein, ziehe ein trockenes T-Shirt an und fühle mich gleich etwas wohler, wenn auch das Verhalten des Mannes an der Feuerstelle überhaupt keinen Anlass dazu gibt, sich wohnlicher zu fühlen.


Er hat sich jetzt zwar einen Transistorradio herangezogen, was ich sofort als deutliches Zeichen, dass er sich auf gar keinen Fall mit mir unterhalten wolle interpretiere, und sucht sich einen Sender. Schliesslich bleibt eine Stimme im Raum hängen, eine Stimme, die klar und deutlich spricht, wahrscheinlich Nepali, aber immer wieder von langen Pausen unterbrochen wird. Es knistert dazwischen, es ist als würde der Sprecher uns immer wieder auf seine Worte, die er gewählt und deutlich akzentuiert, Raum für eine Antwort, Raum für eigene Gedanken anbieten. So gibt es jetzt zwei Räume, diesen Raum im Äther und diesen Raum mit der rauchenden, qualmenden Feuerstelle. Und in beiden knistert und zischt es in den Zwischenräumen, verdeutlicht die Intensität des Unausgesprochenen.


Es ist jetzt inzwischen fast  dunkel geworden und der am Feuer Hockende ist nur noch Silhouette gegen das wenige, vom qualmenden Rauch umgebene Licht der Glut.


Ich höre wieder Stapfen auf der knarrenden Stiege, mein Guide bringt mir die Thumba und eine Thermoskanne mit heissem Wasser zum Nachfüllen. Nach kurzem Warten sauge ich die Flüssigkeit in dem mit vergorener Hirse fast übervollen Bambusbehälter durch ein dünnes Bambusröhrchen. Die lauwarme Flüssigkeit bereitet sogleich Wohlbehagen. Inzwischen hat der das Feuer Bewachende einen anderen Sender gewählt.


Zwischen Gesprochenem ertönen immer wieder einfache, aber eindringlich gemütvolle Nepalilieder. Es sind die archaischen Hirtenlieder der Bergvölker, Lieder, ähnlich derer, wie ich sie schon in Badachshan, wie ich sie in den Bergen von Pakistan gehört habe, und die mir sogleich ans Herz gehen.


Die lauwarme, vergorene Flüssigkeit und die warme Stimme im Radio vereinen sich,   rufen ein Gefühl von Behaglichkeit wach und eine Vertrautheit erfüllt den Raum und stiehlt sich in mein Herz.


Schon nach kurzem spüre ich, wie das wohlige Gefühl von meinem Bauch aufsteigt, durch die jetzt ruhig arbeitenden Kammern meines Herzens fliesst, weiter die feinen Verästelungen meines Hirns erreicht und meine Brust mit einem Verlangen ausfüllt und erweitert. Es füllt mich mit einer grenzenlosen Liebe, während ich gerührt dem einfachen, Herz ergreifenden Lied zuhöre.  Plötzlich höre ich mich selber, wie ich dem einfachen Liedchen die Hand reiche. So summe ich leise, aber hörbar mit, die Stimme im Radio vermengt sich mit meinem leisen, aber deutlich hörbaren Singsang.


Plötzlich geschieht etwas völlig Unerwartetes, ein Wunder: der Wächter des rauchenden Feuers wendet mir sein Gesicht zu, er lächelt leise und geheimnisvoll, sein Lächeln hat sich aus seinem Innern, seiner Tiefe herausgelöst, ist nach einem unendlich langen Weg an die Oberfläche gestiegen, trifft auf sein Ziel; und so begegnen sich jetzt kurz, aber bestimmt und nachdrücklich, unsere Blicke.


Er hat mich akzeptiert!


Er wird mich auch weiter akzeptieren, nicht bloss morgen, wenn er in seiner etwas gebückten Haltung, die mit seinem jugendlichen Gesicht stark kontrastiert, mit seinem Weihrauchgefäss im ganzen Haus herumgeht, um Dämonen und schlechte Geister zu vertreiben und mich dann mit einem verstohlenen, von der Seite her zugeworfenen Lächeln unauffällig in seine Welt einzubeziehen. Nein, auch nach Tagen noch, als wir von der Tour zurückkehren, streift er mich mit seinem geheimnisvollen Lächeln; es scheint gar nicht richtig mir zu gelten. Aber ich bin jetzt unwiderruflich Teil seiner Welt geworden. Er lächelt wie in sich selber, es ist eigentlich eher ein Lächeln das man gar nicht sehen sollte, es ist das Lächeln von einem Menschen, der mit seinen Gefühlen nicht zu protzen, zu hausieren braucht. Er ist der Mensch, der in seinem Herz, in seinem Innern so viele Sehnsüchte und Gefühle aufgetürmt haben muss, wie Kinder, die ein riesiges, fragiles Gebilde an Bauklötzen aufschichten; vorsichtig trägt er sein Gebilde, das keinerlei Erschütterung duldet, mit sich herum, so vorsichtig und behutsam wie ein randvolles Gefäss mit einer kostbaren Flüssigkeit, von der nichts verschüttet werden darf. Der Rauch, mit dem er so gerne umgeht, scheint mir eher eine Art Zeichen zu sein, ein Rauchzeichen an seine Umgebung eben, von meinem Tashi, wie er genannt wird, von der beleibten Wirtin, von der ich so gar nicht recht weiss, ob sie nun seine Mutter oder gar seine Frau ist.




aus: Felix Keller - Tränen, Trümmer und Träume

                            Begegnungen in Sikkim:

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