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Neue Schuhe für den Minister

An meinem zweitletzten Morgen in Bulunkul, einem der ganz wenigen Orte in der sehr dünn besiedelten Hochebene im östlichen Badachshan, einer verlassenen, einsamen Gegend jenseits der Grenzen, jenseits der Träume gelegen, warte ich darauf, dass mir Dilbar, die Schwester meines Gastgebers, mein immergleiches Frühstück bringt. Die Tür zum Raum steht wieder offen, so dass das Licht der grellen Sonne schon schmerzlich in die Augen sticht und sie fast tränen lässt. Das Licht der Morgensonne ist besonders grell, geisselt die karge, wilde und zersauste Landschaft, eine raue Schönheit, in der so gar keine Träume mehr gedeihen wollen. Doch die wenigen Bewohner geben sich mit wenig zufrieden und sind entschlossen, dieser Wirklichkeit zu trotzen; sie haben eigentlich kaum eine Wahl.

Meine Gastgeber haben sich endlich daran gewöhnt, dass dieser Fremde die Tür, die sie gewohnheitsgemäss, nach jedem Verlassen oder Betreten schliessen, dass dieser Fremde, wenn er beim Frühstück sitzt, die Tür sogleich wieder öffnet. Ich bin nicht sicher, ob ich deren Gewohnheit oder Sitte ganz verstehen kann. Es ist auch nicht gesagt, dass sie meine Vorliebe, den Raum, in dem ich frühstücke, luftig, offen und von Licht durchflutet zu haben, nachvollziehen können. Doch so liefern sich oft Gewohnheit und Vorliebe ein neckisches Spiel, denn kaum geht jemand der Familie aus dem Haus, schliesst sich, ganz automatisch, hinter ihm die Tür, die dann nach kurzer Zeit wieder von mir geöffnet wird. Es ist ein harmloses Spielchen, wenn auch Sinn und Zweck der Regeln vom Andern wohl kaum auf Verständnis stossen. Aber beide Parteien haben erkannt, dass es sich nicht lohnt, deswegen nur ein einziges Gran des unerschöpflichen Staubpotenzials aufzuwirbeln. So steht jetzt Sulejman, mein Gastgeber, in der Tür, sein kräftiger Körper verdunkelt den Raum, und er setzt sich zu mir an den Rand der Plattform, wo ich immer mein Frühstück zu mir nehme und druckst lange an einer Frage herum. Ich bemerke, dass er etwas auf dem Herzen hat. Ich beginne dem Sinn dessen, was ihn bedrückt, auf die Schliche zu kommen, dass, äh, ein Minister heute, hier im Dorf auftauchen und von ihm, dem Hazina begrüsst und der Tradition entsprechend auch bewirtet wird. Etwas umständlich kommt seine Bitte daher. Es dauert eine Weile, bis ich endlich verstehe, um was genau es geht. Hier in diesem Haus soll nämlich besagter Minister einkehren und, wie es eben der Sitte entspricht, auch hier essen. Und dafür kommt natürlich nur das beste Zimmer in Frage. Jetzt haust da dieser Fremde; aber was kann man machen! ein Minister ist unvergleichlich viel seltener zu Gast als ein Fremder. Und deswegen bittet er mich um Verständnis für sein Anliegen. So muss ich neben den Sprachschwierigkeiten auch noch zwischen den Zeilen lesen können – aber, ich habe ja schon verstanden!

Ja, vielleicht ist es sogar das erste und vielleicht auch das einzige Mal, dass sie einen so hohen Gast bei sich zu Hause empfangen würden! Mein Verstand hat eine Weile gebraucht, um die Tragweite eines solchen Ereignisses zu erkennen. Ein Minister in so einem von Wind, Staub und Kälte gebeutelten Kaff! Wo’s nichts ausser Gras, ein paar Jaks, dem ewigen Wind und Berge gibt! Keine Bodenschätze, derentwegen es sich lohnen würde, um die Gunst der Einwohner zu buhlen. Nichts. Mit dem bisschen Fleisch der Jaks, Ziegen und Schafe ist kein Geschäft zu machen – und mit den wenigen Fischen aus dem See erst recht nicht. Der einzige Bodenschatz sind die bleichen Gebeine ihrer Toten, die sie mühselig unter die harte Kruste ihrer Heimaterde geschaufelt haben. Hier fehlt es an allem. Und die Perspektiven der Lebenden ohne die Russen, die doch immerhin für eine gewisse Infrastruktur gesorgt hatten, haben sich mit dem Wind davongemacht, geblieben ist nur der Staub. Die Kargheit, die extremen klimatischen Bedingungen – es soll bis 50°C minus im Winter werden – haben sie gelehrt, auch unter härtesten Verhältnissen zu überleben; aber den Besuch eines Ministers! Den darf man sich auf keinen Fall entgehen lassen, da darf man nicht kleinlich sein!

Sulejman erzählt es mir in seiner bescheidenen Art, mit dem haargenau richtigen Anteil an Würde, die mich diesen zurückhaltenden Menschen den nötigen Respekt entgegenbringen lässt, einer Würde, die mich trotz der Distanz nicht ausschliesst. So hat er sich zu mir an den Rand der Plattform gesetzt, wo gegessen und auch geschlafen wird, ich beobachte ihn genau, damit mir nichts entgeht, was er meint. Unsere Sprache ist ein Mischmasch aus Russisch, Tadschikisch, Kirgisisch, Englisch und natürlich mit der unersetzlichen Begleitung von Handzeichen und Gebärden. Aber das wichtigste Instrument jemanden zu verstehen, ist nebst den Organen immer noch der Wille, jemanden verstehen zu wollen.

So verstehe ich ihn gut, dass er sein bestes Zimmer dem Minister zur Verfügung stellen will, keine Frage; ich lache dazu, weil ich ihm die Chance mit Vergnügen gönne. Und weil ich morgen sowieso im Sinne gehabt hatte nach Murghab weiterzu- fahren, kann ich grad so gut auch heute meine Siebensachen zusammenpacken. Natürlich bin ich erstaunt, dass ein Minister sich herablässt, an so einem Ort einzukehren, doch das erklärt jetzt vielleicht die Visite der beiden Beamten von gestern; die hatten wohl die Lokalität inspiziert.

Dilbar, die Schwester von Sulejman, ist so höflich und wartet mit dem Putzen, bis ich meine Sachen weggeräumt habe. Sie hat schon lange auf die Gelegenheit gewartet, ich hatte nur noch nicht begriffen, für was sie die Kübel mit Wasser bereitgestellt hatte!

Draussen entdecke  ich später Sulejman, wie er seine besten Schuhe putzt und poliert. Das waren sicher seine Hochzeitsschuhe! So stehen sie jetzt glänzend wie Weihnachtskugeln in der prallen Sonne auf dem umgekippten, staubigen Anhänger hinter dem Haus.

Auf dem langen Weg zum Toilettenhäuschen forsche ich nach weiteren Aktivitäten, die auf den erwarteten, hohen Besuch hinweisen würden, doch ausser zwei Männern, die Gerümpel auf ein Flachdach hinaufhieven, ist nichts zu erkennen. Dazu ist auch nicht gesagt, dass die beiden den Schrott seinetwegen verschwinden lassen, denn alles, was nicht mehr gebraucht wird, landet, falls es nicht zu schwer ist, sowieso auf den Dächern.

Als nächstes Indiz bemerke ich kurz darauf, dass Dilbar wie Munira, die Frau Sulejmans, nagelneue, schwarzgelackte Plastikschühchen bekommen haben, funkelnagelneu stehen sie vor dem Haus, glänzen verführerisch in der Sonne und warten auf ihren grossen Einsatz. Dilbar ist im Haus eifrig mit Putzen und Kochen beschäftigt, ein riesiger Topf steht auf dem Feuer. Also, ich sehe, da ist zwar einiges im Gange, doch von einer Hektik oder gar einer Aufregung sind sie weit entfernt. Irgendwie habe ich mir die Vorbereitungen für einen solchen Empfang doch etwas anders vorgestellt. Die Kinder spielen wie sonst immer, Faustball, ihr einziges Vergnügen; darum wird jeden Tag und immer enthusiastisch, aber nie verbissen gekämpft. Immer wieder faucht eine Bö mit einer dunklen Staubwolke im Schlepptau heran und fegt über den Platz. Alle verschwinden darin, werden verschluckt, sind nur noch am Rand als Schemen erkennbar. Doch ihr Spiel geht ungerührt weiter, man hört ihre Schreie aus dem Bauch der Wolke, klein und gross zusammen, bunt gemischt, Buben, Mädchen, Erwachsene und manchmal – ja, auch junge Frauen. Hier kennen sie den Luxus nicht, jemand einer Religion wegen auszuschliessen, nicht mal ansatzweise, hier sind sie aufeinander angewiesen. Die Frauen haben ihren festen Platz, sie behaupten sich auf natürliche Weise, geraten nicht wegen Bagatellen in einen Konflikt mit den Männern. Sie sind selbstbewusst, ohne das mit aller Macht demonstrieren zu müssen.

Wie selbstbewusst, das hat mir mit aller Deutlichkeit die Grossmutter von Dilbar und Sulejman vor Augen geführt, wie sie sich mit einer Ruhe und Präsenz, mit einer natürlichen Autorität Respekt zu verschaffen weiss. Mit ihren siebenundachtzig Jahren! Die Frauen sind, wie mir auffällt, oft gute Spielerinnen. Und es darf gelacht werden, ihr Spiel dient dem Zusammenhalt, und ihren Gewinn zählen sie nicht in Punkten oder Toren. Der Ball verliert sich oft im weiten, ausufernden Platz; die ganz Kleinen besorgen dann den Kurierdienst.

Aber eine Hektik? Aufregung? Wegen eines Ministers? Keine Spur!

Gar keine Spur?

Doch, denn da kommen Moujunda, die Tochter von Sulejman und Munira, mit ihrer hübschen rothaarigen Freundin Azina angetrabt, wie Trophäen führen sie brandneue Sandalen in der Hand mit. So neu, dass sie noch mit dem Preisetikett versehen sind. Sie halten sie wie kleine Flieger hoch über ihren Köpfen und fahren geräuschvoll damit durch die Luft. Ich freue mich mit ihnen, ihre kindliche Freude rührt mich, wie sie mit so schönen Sandalen, die dazu mit einem zuckersüssen comicartigen Gesicht verziert sind, ein Luftballett veranstalten können.

Ich selber bin noch unschlüssig, wie ich den Tag verbringen soll; ich streife durchs Dorf, nach weiteren Aktivitäten für den hohen Besuch fahndend. Dabei stosse ich auf den Moskwitsch, der mich morgen nach Murghab bringen sollte. Der Besitzer des Autos hat extra für meine Fahrt ein Schild mit der Aufschrift „Murghab“ hinter die Frontscheibe geklemmt, um so den offiziösen Charakter der Extrafahrt zu betonen. Skeptisch betrachte ich den Wagen mit dem platten Hinterreifen.

Schliesslich kehre ich wieder um, ich habe mich jetzt entschieden, noch mal einen Streifzug über die farbige Hügelkette zwischen den Seen zu machen, von dort, so denke ich, kann ich zudem gut beobachten, falls der Tross des Ministers herannahen sollte. Entweder in einer Staubwolke oder mit dem Helikopter aus einer anderen Wolke.

Beim Haus zurück begegne ich Nasar, der einen kleinen Ziegenbock an den Hörnern herbeischleppt, gefolgt von Sulejman, und ich merke sofort, was dem armen blökenden Tier blüht. Es dauert nicht lange und Moujunda schleift eilig den blutigen Kopf der Ziege in ihr Haus hinüber. Sulejman vertraut mir an, dass es sich bei dem Besuch nicht bloss um irgendeinen Minister handeln würde, nein, es wäre der Ministerpräsident persönlich!!

Erst noch schwankend, ob ich mir das Spektakel nicht doch anschauen soll, entscheide ich mich für meine „Exkursia“ und sage mir , ich könne ja dann umkehren, falls ich Anzeichen für das Herannahen des allerhöchsten Tadschiken wahrnehmen sollte!

Den Anstieg auf die zuckergussfarbene Hügelkette nehme ich mit Schwung, ich bin so gut gelaunt, als könnte ich die Berge fressen, ich habe mich gut an die Höhe angepasst, steige die Viertausender hinauf, als wäre ich da zu Hause. Die Sicht hier oben, die Weite des Raums befreit mich von jeglichem Druck; ich bin glücklicher, als die Sonne lachen kann. Ich betrachte den huschenden Gang der Wolken, einige in versprengten Grüppchen, andere streifen wie Fabelwesen mit langen Armen über den Untergrund über den sie segeln, als wären sie blind oder auch bloss in Gedanken verloren und tasteten sich so ihren Weg.

Stunden nach meinem Weggang vom Dorf habe ich noch immer keinerlei Anzeichen gesehen oder gehört, dass sich irgendein Auto genähert oder wieder weggefahren wäre. Nichts. Das einzige Geräusch bleibt der Wind und auf den höre ich nicht immer. Zwischendurch höre ich eigene Gedanken, die sich in meinem Innern regen, doch auch sie weichen der erhabenen Stille, der grandiosen Szenerie dieser archaischen Landschaft. Ich bin froh, dass meine Gedanken die Grossartigkeit dieser Natur erkannt und sich aus dem Staub gemacht haben. Gedanken unterwandern bloss die sorglose Heiterkeit, säuseln schmeichelnd um die Ohren und kraulen deinen Nacken... es ist die verführerische Poesie des Dunkeln, Unbewussten, das Locken aus der Tiefe.

Eingedrungene Gedanken haben nämlich die Tendenz, sich wichtig zu machen, okkupieren deine Aufmerksamkeit - Gedanken sind Hindernisse und Fallen, die dem Unglücklichen immer knapp vorauseilen, und ihn bei Gelegenheit stolpern lassen.

Und wie schnell ein einziger Gedanke seinen Fuss in deine Türe gestellt hat! Als gäbe es nichts Dringenderes, als sich jetzt und ewig Sorgen zu machen! Schon breitet sich die Sorge wie ein Virus aus, kultiviert ihn, hinterlässt auf der Stirn tiefe Furchen, senkrechte Spalten, ein ganzer Mechanismus wird in Gang gesetzt, düstere Gedanken umwölken die Stirn, konditionieren die Sorgenmuskulatur zu einem einzigen Kraftpaket. Drum muss man gelegentlich diesen Hausierern die Tür vor der Nase zuknallen, denn, hat man sie erst einmal eingelassen, setzen sie sich wie schlechte Gerüche in deine Polstersessel, schlüpfen in deine Kleider, und selbst mit Schlägen kann man deren Penetranz nicht mehr austreiben.

Endlich steige ich von dem geburtstagstortenfarbenen Bergrücken hinab, ich habe den Besuch des alten Mannes vergessen, die Faszination der Natur liegt mir näher.

Doch wie ich mich jetzt, am späteren Nachmittag, dem Dorf nähere, wirkt der Ort seltsam verlassen, wie ausgestorben. Etwas irritiert halte ich nach Anzeichen der angekündigten Heerscharen Ausschau, doch was mich befremdet, ist, dass weder Faustball gespielt wird, noch sonst um die Häuser Menschen anzutreffen sind. Ein paar vereinzelte Gestalten schleichen um Hausecken, und es lastet eine bedrückende Stille über dem Dorf. Selbst der Wind ist träge und wirkt lustlos. Kein Wagentross, kein Geländefahrzeug, nichts. Ich überquere den leeren Platz und gehe auf unser Haus zu. Keine Seele, weit und breit, kein Polizist, kein Beamter, der unsern Eingang bewachen oder kontrollieren würde. Nichts. Verwundert nähere ich mich dem Haus, denn von weitem sehe ich eine Versammlung von Schuhpaaren, die sich ordentlich vor dem Eingang aufgereiht haben. Beim Näherkommen bemerke ich, dass es gute Schuhe sind, auffällig gute Schuhe, sauber geputzt alle.

Es stellt sich heraus, dass es die besten Schuhe all der Notabeln des Dorfs sind, die hier zusammengefunden haben.

Die Ernüchterung spüre ich bis vor den Eingang treten, sie lastet über dem ganzen Dorf. Und keine Bö fegt heran und nimmt sie mit. Was bleibt, ist die Stille und die Einsamkeit. Und der Staub.

Stille, Staub und Einsamkeit.

Kein Ton ist aus dem Innern des Hauses, aus meinem Zimmer zu hören. Kein Ton der sorgfältig einstudierten Orchestrierung all ihrer Dringlichkeiten, Wünsche und Anliegen dringt mehr aus dem Haus. Ihre Enttäuschung ist greifbar, hat sie verstummen lassen.

Wortlos feiern sie das Begräbnis des Besuchs des Ministerpräsidenten, würdig und ernst verspeisen sie den für den hohen Gast geschlachteten Ziegenbock.

Doch dafür haben Dilbar, Munira, Moujunda und Azina neue Sandalen – mit Bedauern denke ich, dass sie den Besuch eines Ministers nötiger gehabt hätten.


aus: Felix Keller - Tränen, Trümmer und Träume

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